[foto von Peter Sloterdijk - Wikipedia - author Rainer Lück http://1RL.de ]
Auch wenn es für einen Wohnblog ein bisschen weit hergeholt scheint, einen Zusammenhang gibt es schon, in dem von mir postulierten Titel. Fand doch zu guter Letzt Das Philosophische Quartett, der mediale Steigbügel des Weltverstehens, von dem hier kurz und bündig die Rede sein soll, in der luftigsten Etage des Hotelturms Interconti Berlin statt. Ein Berlin-Event also, in den hehren Hallen eines hauptstädtischen Beherbergungsbetriebs.
Zum letzten Mal diskutierte da das zum Trio zusammegeschrumpfte Quartett der deutschen Denkkunst zu Ehren und der Verdummungstendenz der Medien zum Trotz. Ko-Moderator Safranski hatte es passend zur Absetzung der Sendung die Sprache sprich die Stimme verschlagen. Gäste aber waren da und zwar, neben dem Suhrkamp-Autor Michael Krüger, die graue Eminenz des deutschen Schriftguts, Martin Walser. Gastgeber Sloterdijk, der Übervater der Populärphilosophie, hatte dem Anlass angemessen, das Thema ‘Von der Kunst des Aufhörens’ getauft.
Der Hintergrund: nach 10 Jahren und 63 Sendungen wird nun das Quartett nächstjährig durch ein anderes Format ersetzt. Ersetzt wird dabei auch das Denkpersonal in der Union Sloterdijk-Safranski. Die Urgesteine werden einem etwas Geringerem, nämlich keinem Geringerem als dem Präzenspapst Richard David Precht weichen – ein Paradigmenwechsel in dem Sinne, dass dieser Tausch einer Boulevardisierung der TV-Philosophie gleichkommt.
Nicht das Precht trivial wäre, nein, aber dessen Präsentierbarkeit gepaart mit einer wohgefälligeren Art im Vergleich zu Sloterdijk, der sperrig, ja fast anachronistisch – wenn auch brilliant- herumstottert, passt den TV-Programaten ganz sicher besser ins Bild. Dass der Dressman des Denkens, Precht, dabei dem Denkvater Sloterdijk nur an einfacher Klarheit und aüßerem Schein überlegen ist, ist eine andere aber eben wichtige Tatsache. Mit Sloterdijk geht nämlich dem Fernsehen auch eine wortneuschöpferische Kraft und Seltenheitspoesie verlustig, die zumindest in diesem Medium ihresgleichen sucht (und der im Denkerischen nur Anreas Kluges kluges ’10 vor 11′ – ausgerechnet auf RTL – das Wasser reichen kann). Walser sah das auch so und flehte “bitte hören Sie nicht auf”, wie auch er, an den bis zum bitteren Ende weitermachenden Nietzsche erinnernd, nie aufzuhören beabsichtige.
Sloterdijks letzte ultimative Buchempfehlung hatte es dann auch in sich und nahm die Steilvorlage bezüglich des Umwerters aller Werte auf, in der Gestalt, dass der Scheidende der Zuschauerschaft dessen Zarathustra oder die Genealogie der Moral ans Herz und Hirn legte. Und zwar eines dieser beiden Werke des allgegenwärtigen Nihilisten in ganz bewußter Kombination mit Schopenhauers ‘Welt als Wille und Vorstellung’. Diese Empfehlung, so Sloterdijk, sei der Tatsache geschuldet, dass sich in diesen Büchern ein unvergleichlicher Wandel von der Lebensverneinung (Schopenhauers) zur Lebensbejahung (Nietzesches) vollzöge, der für die westliche Denke nicht hoch genug eingeschätzt werden könne. Etwa so als wenn er den Homer und die Heilige Schrift empfohlen hätte, also die Siegessäulen oder zumindest Stützpfeiler des Okzidents (natürlich nicht nach Nietzsche).
Schopenhauer nämlich sah den Mensch als vom Lebenstrieb Mitgerissenen, der zwar tun aber nicht wollen könne was er wolle, während Nietzsche das Potential zum Willenbezwinger und Übermenschen der Spezie hervorhob. (Was die Nazis sich bekannterweise ‘boulevadisierend’ auf die Fahne schrieben. Und Kritiker Nietzsche ‘boulevardisierend’ vorhielten.) Sloterdijk setzte zudem querverbindent auf Walsers fliehendes Pferd, das er unausgesprochen als vom Reiter, also vom Menschen, zu bändigenden Willen metaphorisierte. Diese Bändigung sei quasi die Urmission des Menschen zum Guten schlechthin.
In der Mediathek des Zweiten Deutschen Fernsehens lebt die Sendung Sloterdijks und Safranskis, der Moderatoren, die nun ihr Leben ändern müssen, noch ein wenig weiter. Das stimmt mich heiter. Da les’ ich doch gleich Die Fröhliche Wissenschaft oder schau nochmal rein ins Philosophische Archiv.
Für eien weiteren Artikel hoher Kultur siehe unten, in diesem Falle eine literarische Größe noch weitaus bekannter als Martin Walser, nämlich Literaturnobelpreisträger Günter Grass.
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